Psychodynamik und Familiendynamik der sexualisierten Gewalt in der Familie

Sexualisierte Gewalt in der Kindheit und besonders in der Familie, d. h. innerhalb von langjährigen, für das Kind lebensnotwendigen Beziehungen, ist das schwerste Trauma, das ein Kind treffen kann, denn es bedeutet ein existenzielles Infragestellen der Beziehungen, also eine schwere Trennungsbedrohung, darüber hinaus stiftet es Verwirrung über den Begriff der Liebe, denn das Kind hat ja ein ganz anderes Konzept von Eltern- bzw. Kindesliebe.

Neben schweren Störungen des Identitäts- und Selbstgefühls, psychischen Störungen wie Depression und Suizidalität, schweren Schuldgefühlen, darüber hinaus hartnäckigen Somatisierungserscheinungen ist besonders auch die sexuelle Entwicklung beeinträchtigt. Ein Hauptsymptom, das auf sexualisierte Gewalt in der Kindheit hinweist, ist die Sexualisierung von Beziehungen; aufgrund von komplizierten Identifikationsvorgängen haben so Kinder mit sexualisierter Gewalterfahrung "gelernt", durch Sexualität Zuwendung zu bekommen, so dass sie in ihrer emotionalen Bedürftigkeit später selbst Sexualität einsetzen, um Wertschätzung und Anerkennung, adäquate Liebe zu bekommen.

Einem unausweichlichen Wiederholungszwang entsprechend wird das Kind vom Regen in die Traufe kommen, wieder Ausbeutung und Erniedrigung erfahren. Später lässt sich Sexualität schwer mit persönlichen Beziehungen vereinbaren, sie ist entweder gesteigert, um im Sinne des Wiederholungszwangs sozusagen rückwirkend Kontrolle über das Gewaltgeschehen zu bekommen, oder sie wird gehemmt sein, da Retraumatisierung befürchtet wird. Männliche Opfer neigen dazu, Schwächere, auch Kinder, wiederum zu Opfern sexualisierter Gewalt zu machen. Das ist ihre Lösung, mit der sie vorziehen, den "mächtigen" Täter zu imitieren, anstatt weiter Opfer zu sein.

Dr. med. Mathias Hirsch

Facharzt für Psychiatrie und Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker (DGPT, affiliiertes Mitglied DPV), Gruppenanalytiker. Ehrenmitglied des Psychoanalytischen Seminars Vorarlberg (Zweig des Psychoanalytischen Arbeitskreises Innsbruck), Lehrbeauftragter der Universität Hamburg, Institut für Psychotherapie. Ausklingende psychoanalytische Praxis in Düsseldorf; umfangreiche Seminartätigkeit und Supervision in Berlin und Moskau, Buchautor

Seitennummer: 00966
nach oben