Gelebte Willkommenskultur

David Eick saß gerade in Mexiko und war auf dem Sprung nach Marokko, als das Corona-Virus seine Pläne gehörig durchkreuzte. Statt Marokko ging es zurück nach Berlin und die weiteren Reisepläne wurden erstmal auf Eis gelegt. Zurück im Alltag entdeckte er eine Stellenanzeige der Hürdenspringer in Neukölln und rief kurzentschlossen Projektleiterin Sabine Niels an. In der Vergangenheit hatte er schon mit ihr zusammengearbeitet. Seit Juli 2020 ist er nun Projektkoordinator im Mentoring-Projekt Hürdenspringer und kümmert sich dort im Schüler-Mentoring um Schülerinnen und Schüler der ISS Röntgen-Schule und um geflüchtete Menschen im Projekt Hürdenspringer-Tempelhof-Schöneberg.

Was macht die Hürdenspringer Tempelhof-Schöneberg so einzigartig?

Wir unterstützen geflüchtete Menschen und konzentrieren uns hier speziell auf alleinreisende
Männer, für die es bislang kaum Angebote gibt. Oft sind sie frustriert, da sie schnell arbeiten wollen und vorher nicht wissen, dass eine Arbeitsaufnahme bei uns ein längerer Prozess ist. Mit Hilfe unserer ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren versuchen wir, Anschlussperspektiven zu entwickeln und den Integrationsprozess zu beschleunigen.

Wie kommen Mentoren und Mentees denn zusammen?

Derzeit arbeiten wir mit zwei Flüchtlingsunterkünften in Tempelhof-Schöneberg zusammen. Wenn sich Interessenten melden, führe ich die Erstgespräche und erfrage besonders Sprachkenntnisse, Hobbys
und berufliche Wünsche. Wir glauben, dass sich Vertrauen besonders schnell durch Gemeinsamkeiten aufbauen lässt und versuchen deshalb nach Gesprächen mit den Freiwilligen, individuelle Tandems
auszuwählen.

Wie sieht denn ein »normaler« Arbeitstag aus?

Es ist der Mix, der mir besonders viel Spaß macht. Vormittags kümmere ich mich meistens um alle organisatorischen Dinge wie die Vor- und Nachbereitung für die Qualifizierungskurse unserer Mentorinnen und Mentoren. Nachmittags führe ich beispielsweise Erstgespräche mit Freiwilligen
und potenziellen Mentees, heiße Tandems in unseren Büroräumen willkommen und unterstütze bei allen Anfragen und Anliegen.

Warum sind Mentoring-Programme aus deiner Sicht so erfolgreich?

Weil beide Seiten profitieren und Mentoring einfach großen Spaß macht. Auf der einen Seite ist es die große Hilfsbereitschaft und Motivation der Mentorinnen und Mentoren. Ich bin begeistert, wie eine
Willkommenskultur aussehen kann. Auf der anderen Seite ist da auch die Dankbarkeit der Mentees, man kann die Hoffnung richtig spüren. Wenn ich alle Dankeseinladungen annehmen könnte, würde ich mich sicher auf eine dreiwöchige kulinarische Reise begeben.

Gibt es Erfolgsgeschichten?

Oh ja. Da gibt es zum Beispiel ein tolles Tandem, das sich aus einer Juristin und einem jungen Afghanen zusammensetzt. Er ist Analphabet, weil er statt zur Schule zu gehen die elterlichen Ziegen hüten musste. Anfangs hatten wir da schon Bedenken und haben die Mentorin um besonders viel Geduld gebeten. Wenn ich ihn jetzt sehe, bin ich einfach begeistert von den riesigen Entwicklungsschritten. Sprachlich ist er mittlerweile so gut, dass wir einfach telefonieren können. Eine tolle Geschichte.

Weiterhin viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Juana Minor

Seitennummer: 01154
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